Ich bin eine temperamentvolle – soll heissen leicht zu erhitzende – Frau. Manchmal denke ich, ich bin eine heissblütige Italienerin, die fälschlicherweise im Körper einer hellhäutigen Mitteleuropäerin gelandet ist. Mir würde es eigentlich viel ähnlicher sehen, Nudelholz schwingend, laut die von mir bestimmten Regeln der Welt verkündend hinter einem Kind oder Ehemann herzulaufen und demjenigen äusserst deutlich die Meinung zu sagen. Als feurige, schwarzlockige Sizilianerin könnte ich das tun. Als brav-angepasste, glatthaarige Blondine eher weniger. Trotzdem bin ich, wie ich nun mal bin. Seit ich mir erlaube, mein Temperament auszuleben, wo es keinen allzu grossen Schaden anrichten kann, bin ich auch in der Lage, Situationen, die alles haben, was man braucht um auszuflippen, ruhig, ja fast stoisch zu überstehen. Ich bin wohl selber am allermeisten erstaunt darüber, dass mir das gelingt.
Ich kenne eine ältere Frau. Eine Frau, wie ich sie in ihrem Alter gerne einmal wäre. Gebeutelt vom Schicksal könnte man sagen, doch die strahlendste Person, die ich je gesehen habe. Sie hat die bei ihr aufgewachsene jüngere Schwester, zwei Ehemänner und einen Sohn vor ihrer Zeit beerdigen müssen. Sie weiss, was Leid bedeutet. Und sie geht mit einem Lächeln auf dem Lippen, einem offenen Blick und einem guten Wort für jeden der es braucht, durchs Leben. Dfer Gedanke an diese Frau gibt mir Kraft, wenn ich denke, es geht nicht mehr weiter. Sie hat mir gezeigt, dass die innere Einstellung, mit der man den Ereignissen seines Lebens begegnet bestimmend ist. Es spielt keine Rolle, was man erlebt, sondern wie man sich dazu stellt. So kann aus vermeintlich grossem Leid Glück und eine Zukunft entstehen, die sich lohnt zu leben. So kann man eine weitere persönliche Katastrophe überstehen, wenn man dachte, es war schon vorher mehr als genug passiert, wenn man denkt, noch eine Verletzung geht nicht mehr. In kleinen Schritten geht es eben doch und bevor man es sich versieht, hat man Kontinente überquert!
Gibt es etwas, das über die Liebe noch nicht gesagt, geschrieben oder gemalt worden ist? Es ist für die Welt bestimmt nicht nötig, dass auch ich noch meinen Senf dazu abgebe. Und trotzdem werde ich genau das tun. Weil ich es muss. Weil das Thema durch meinen Kopf, mein Herz und meinen Bauch spukt. Weil es mir ein Bedürfnis ist, mir dazu Gedanken zu machen und diese zu teilen.
Sobald ich mich frage, was die Liebe ausmacht, wird mir bewusst, dass es viele verschiedene Arten der Liebe gibt. Sie fühlen sich unterschiedlich an, sie haben eine unterschiedliche Farbe und Intensität und sie unterscheiden sich auch darin, ob dabei der Fokus bei sich selber liegt oder beim Objekt der Liebe.
‚Objekt der Liebe‘ – was für eine blöde Formulierung! Und doch ist es das, was ich meine.
Ich habe schon viel geliebt. Manchmal war dabei ein Gegenstand Objekt meiner Liebe, eigentlich immer dann, wenn der Gegenstand mich an ein Erlebnis oder einen Menschen erinnert.
Ich habe schon Momente geliebt – erst kürzlich lief ich eines Morgens eine Strasse entlang. Es war herbstlich kühl, in der Luft lag der Geruch des sich ankündigenden Winters, es war neblig und mein Atem wich als weisser Hauch aus meinem Mund. Ich war warm eingekuschelt in meinen Mantel und der Nebel dämpfte die Geräusche. Nur das tog-tog meiner Schritte begleitete mich. Durch den Nebel drückte die Sonne als diffuse Lichtquelle. Dieser Moment war perfekt und ich liebte es, genau in diesem Augenblick diese Strasse entlang zu gehen.
Ich habe auch schon einen Anblick geliebt. Auf meinem Arbeitsweg fahre ich über ein Quartiersträsschen, da gibt es ein kleines Haus, dessen gesamte Fassade mit Effeu überwuchert ist. Den ganzen Sommer über dachte ich bei dem Anblick nur, dass der Effeu dem Gebäude Schadet. Und dann, eines klaren sonnigen Herbstmorgens erstrahlt die ganze Fläche in den schönsten Herbstfarben von Gelb über Feuerrot bis zu dunklem Weinrot. Die Farben strahlten im Licht der Morgensonne. Seitdem freue ich mich das ganze Jahr darauf, diesen Anblick wieder geniessen zu können.
Ich liebe meine Geschwister. Diese Liebe ist fürsorglich, gelb, warm und umfassend. Sie verlangt und fordert nicht. Sie will die geliebten Menschen schützen, sie wärmen und nähren. Es ist eine sanfte und ruhige Liebe, sie kann entschuldigen, was kaum zu entschuldigen ist, sie kann verzeihen und vergeben.
Ich liebte einen Mann. Manchmal heiss und innig, flammend, wild und ungestüm. Fordernd, egoistisch, eine eifersüchtige und unruhige und alles verzehrende Liebe. Manchmal liebte ich ihn zärtlich und sanft. Manchmal war es die Liebe einer Mutter, manchmal diejenige einer Freundin. Manchmal war die Liebe zu ihm ähnlich der für meine Geschwister, fürsorglich und verständnisvoll. Ich liebte vor allem das Gefühl, verliebt zu sein.
Ich liebte einen Mann. Romantisch und verträumt, hoffnungsvoll und wider alle Vernunft. Diese Liebe war leidenschaftlich, sanft und ruhig. Wie die Flamme einer Kerze, klein und stetig, wie der Keim einer Pflanze, zart und langsam wachsend. Und ausgeblasen vom Hauch eines unvorsichtigen Atemzuges, zertrampelt von einem unbedachten Schritt.
Wie weiss man, ob man den Menschen liebt, oder nur das Verliebtsein? Wie weiss man, ob man den anderen Liebt oder nur da Gefühl, geliebt zu werden? Wie weiss man, ob es die romantisch leidenschaftliche Liebe ist, oder die Liebe zu einem Freund? Denselben Menschen kann man je nach Situation auf alle Arten lieben.
Und was ist dann die vielgerühmte ‚wahre‘ Liebe? Ist es die Liebe, für die man mit allen Mitteln kämpft? Oder ist es die Liebe, die immer wieder verzeiht? Ist es die Liebe, die still duldet und erträgt? Oder doch die Liebe, die einen selbstlos macht, deren einziges Ziel das Glück des Geliebten ist?
Als ich das erste Mal hörte, alles was wir denken, realisiere sich und werde zur Wirklichkeit, da dachte ich der Referent hätte sie nicht mehr alle. Als er das sagte, schaute er zudem auch noch so komisch drein. Irgendwie zu gutgläubig und er schien total begeistert zu sein von diesem Gedanken. Kurzum ich hörte nicht wirklich zu.
Später habe ich dann doch noch darüber nachgedacht. Ich bin nämlich in einem Buch, das ich für ganz schön schlau hielt, und einem weiteren, das ich sogar für weise hielt, wieder auf diese Aussage gestossen. Etwas anders formuliert zwar, doch im Kern dasselbe. Scheinbar sollte ich mich damit auseinandersetzen.
Ich hab’s mir vorgenommen, wirklich. Aber so im Alltag, zwischen Arbeit, Staubsaugen und Beziehungsproblemen habe ich es immer wieder vergessen. Nur lassen sich bekanntlich Erkenntnisse, die von einem beachtet und verstanden werden wollen, nicht einfach ignorieren.
Frei nach dem Motto ‘wer nicht hören will muss fühlen’ sind nun meine Gedanken, meine ständige unterschwellige Angst vor dem Versagen und nicht geliebt werden, Wirklichkeit geworden.
Und nun setze ich mich mit diesem Prinzip auseinander. Zwangsläufig.
Was beinhaltet dieses Grundprinzip für uns?
Nebst der Tatsache, dass es bedeutet, dass alle unsere Ängste, denen wir zu viele Gedanken widmen, sich verwirklichen und eintreffen, bedeutet es doch auch, dass wir durch positive Gedanken unser Leben positiv beeinflussen können.
Dies bringt uns weg von der Vorstellung eines vorbestimmten Schicksals, dem wir ausgeliefert sind. Dieses Prinzip eröffnet uns ungeahnte Möglichkeiten, unser Umfeld und unser Leben selber zu bestimmen.
Gleichzeitig liegt damit auch die Verantwortung für unser Leben und unser Wohlergehen bei uns selber. Wir können nicht durch unser Leben spazieren und dem Schicksal, unseren Mitmenschen, dem Leben an sich oder einer Gottheit die Schuld daran geben, wenn wir scheitern oder vor scheinbar unüberwindbaren Hindernissen stehen.
Wir müssen uns auch Gedanken machen über geistige Hygiene. Wenn unsere Gedanken das Potential bergen, sich zu verwirklichen, müssen wir vorsichtig sein, wem wir was an den Hals wünschen und/oder welche negativen Gedankengänge wir verfolgen.
Nun glaube ich definitiv nicht an Verwünschungen und Zauberei. Ich bin vielmehr der Ansicht, dass wir, unbewusst gesteuert durch unsere Gedanken, die Entscheidungen in unserem Leben so fällen und uns so verhalten, dass wir auf die Verwirklichung eben dieser Gedanken zusteuern. Damit meine ich beispielsweise, dass ich, wenn ich die tiefe Angst habe, meinen Job zu verlieren (beispielsweise), durch diese Angst blockiert werde. Ich kann nicht mehr dieselbe Leistung bringen, weil ich ständig daran denken muss, was passieren könnte. Ich kann nicht mehr objektiv Entscheidungen treffen, weil ich fürchte, durch eben diese Entscheidung meinen Job zu verlieren. Gleichzeitig beginne ich, meine Arbeitskollegen kritisch zu beobachten. Wer ist besser als ich, wer vielleicht schlechter? Wer könnte versuchen, mich beim Chef anzuschwärzen? Durch diese Überlegungen wiederum ändert sich mein Verhalten meinen Teamkollegen gegenüber. Sowohl meine Leistung generell wie auch die Wahrnehmung meiner Person verändern sich zum Negativen. Dies kann ich soweit treiben, bis ich wirklich meinen Job verliere.
Dieses Prinzip wirkt in allen Bereichen unseres Lebens und ist sehr mächtig. Es kann uns also nicht schaden, wenn wir unsere Grundeinstellung, unsere versteckten Gedanken und Überzeugungen kritisch hinterfragen und überprüfen. Wer weiss, vielleicht habe ich ja recht und wir können uns damit viel ersparen und unser Leben durch eine positive Grundeinstellung, durch ein generelles Vertrauen ins Leben an sich zum Positiven verändern!
Diesen Spruch hat mir kürzlich eine Mitarbeiterin auf den Bürotisch gelegt. Ich musste lachen, wusste ich doch, dass es genauso als liebe Erinnerung an unsere gegenseitigen Witzeleien gedacht war – wir pflegten uns gegenseitig als Hexen zu bezeichnen und hatten einen Wettstreit laufen, wer denn nun die Oberhexe sei -, wie als Aufmunterung und Bekräftigung, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.
Und es stimmt. Ich hatte lange Jahre damit zugebracht, mich um den Engelstatus zu bemühen. Ich habe alles in meiner Macht stehende getan, um als Engel durchs Leben zu gehen. Und damit meine ich nicht die mächtigen kraftvollen Erzengel, sondern die farblosen, makellosen sanften und temperamentarmen Engel in den langen weissen Kleidchen.
Um die sphärischen Gefilden dieser Engel zu erreichen, musste ich das Gewicht meiner Persönlichkeit zurücklassen, musste zur leeren Hülle werden, die ich mit meinen Vorstellungen davon füllte, wie ich zu sein hätte und mit den Ansprüchen anderer, was ich zu tun hätte.
Doch ich habe dabei eines übersehen: Persönlichkeit hat Gewicht, ja. Doch Persönlichkeit erzeugt auch Aufwind, auf dem es sich gut reiten lässt – mit einem Besen.
Seit ich nicht mehr einem illusionären Bild, wie ich zu sein hätte, nachlaufe, sondern einfach nur mich selber bin, mit all meinen Ecken, Kanten, Macken aber auch mit all meinen Stärken, Talenten und Eigenheiten, habe ich plötzlich ungeheure Energie und Kraft zur Verfügung.
Nein, ein Engel bin ich ganz bestimmt nicht. Und erstmals habe ich auch nicht mehr den Anspruch an mich, einer zu sein. Ich mag eine Hexe sein, doch keine gemeine. Ich nutze die mir zur Verfügung stehenden Mittel um meine Ziele zu erreichen, ich setze meine Waffen und Mittel ein. Doch die Ziele, die ich zu erreichen versuche, sind sowohl gesellschaftlich verträglich, wie auch moralisch vertretbar. Ich will ja niemandem schaden, wieso soll ich da nicht nutzen, was mir zur Verfügung steht?!
Während ich diese Zeilen schreibe, muss ich lachen. Es ist so ungewohnt, solche Worte aus meinem Mund /aus meiner Feder zu hören und zu lesen. Jahrelang war ich eine glühende Vertreterin der unmenschlichen Ansprüche an sich selber. Perfektion und Unfehlbarkeit waren knapp akzeptabel, kaum gut genug. Ich hätte mir nicht verziehen, Fehler gemacht zu haben, meine Mitmenschen verletzt zu haben, einmal überreagiert oder übereilt gehandelt zu haben.
Ich habe mir sozusagen selber meine Engelsflügel auf dem Rücken zusammengebunden und mich dann gewundert, dass ich nicht fliegen konnte.
Indem ich meiner Menschlichkeit und Fehlbarkeit ins Gesicht geschaut und sie akzeptiert habe, habe ich diese Ketten unbeabsichtigterweise gelöst. Und ich fliege hoch und weit, ohne wirklich viel dafür tun zu müssen. Mein Leben scheint sich wie ein zerknülltes Stück Papier plötzlich zu entfalten und zu glätten. Ich stehe mittendrin, geniesse es, bin manchmal unfair, manchmal emotional, manchmal übereilt, alles in allem typisch ich. Und ich blühe auf dadurch.
Ich mag es, eine kleine Hexe zu sein – und ich bin eine glückliche!