Ich lebe auf Sicht, da ich die Sicherheit des bekannten Elends gegen die Blöße der Ungewissheit getauscht habe. Aus dem Bauch heraus nehme ich, was mir in den Sinn kommt, in Angriff. Auf einem Wellenkamm reitend achte ich nur darauf, nicht darunter zu geraten - oder wenigstens nicht für lange Zeit. Man sieht mir meine grenzenlose Traurigkeit nicht an, man sieht meine Angst nicht, dass ich zum Stillstand komme und zur Besinnung. "Du bist ein ungemein kommunikativer Mensch.", meinte unlängst eine vertraute Bekannte. Ich bin aus meiner Ehe gegangen, weil ich mehr Angst hatte, dass es so quälend weitergeht - als davor, überhaupt nicht mehr zu wissen, was aus mir wird. Ich gehe auf die Menschen zu mit der Selbstsicherheit eines Mannes, der im Grunde weiß, dass er heimatlos ist - und der am meisten davor Angst hat, dass ihn seine Scheu völlig vereinsamt und abschneidet von den Menschen. Das ist das Geheimnis. Meine Nachbarn denken sicher, dass das kleine Fest, das sich auf einmal immer mehr auswächst, der Auftakt dazu ist, mich hier einzuleben, Fuß zu fassen. Es ist alles andere als das. Sie können ruhig hereinkommen - ich bin hier nichts andres als ein Gast unter Gästen auf diesem Planeten ererbter Heimatlosigkeit. Feiern wir den Moment, bevor er uns zwischen den Fingern zerrinnt. Ich weiß, dass ich hier nicht bleiben werde können.
L. kam kurz vorbei, ging nach einer halben Stunde wieder. Ich blieb bis jetzt, lud alle am übernächsten Wochenende zu mir ein. Warum? Weil es sich anbot, weil zwischen meinen Eingebungen und meinen Entscheidungen kein Handbreit ist. Ich zögere nicht mehr - und vor allem - ich erwarte nichts. Diese Dinge - ein Nachbarschaftsfest bei mir einrichten - habe ich noch nie getan. Würde ich Ls Verrücktheit besitzen, ich würde ihr eine sms schreiben: Komm zu mir, schlaf bei mir. Aber selbst in diesem Zustand ist mir nicht danach, so hoffnungslose Unterfangen zu beginnen.
Diese Zeilen hab ich bei meinen Recherchen gefunden und fand sie - trotz allen Schmerzes, der aus ihnen spricht, überaus liebevoll. Vor allem zu sich selbst. Deshalb würde ich sie gerne teilen mit allen, die sich von jemandem verlassen fühlen. Weil man sich mit diesen Zeilen nämlich nicht selbst verlässt.
Verloren
Als ich dich verlor, haben wir beide verloren. Ich, weil du warst, was ich am meisten liebte und du, weil ich es war, der dich am meisten liebte. Doch von uns beiden verlierst du mehr als ich, weil ich andere lieben kann, wie ich dich liebte. Aber dich wird niemand so lieben wie ich.
Endlich, nach so langer Zeit, ist sie zurückgekehrt zu mir. Meine kühle Beobachtungsgabe. Meine Augen sind weit offen. Anders als früher folgt ihr aber die Bewertung, Beurteilung und Verurteilung nicht mehr auf dem Fuß. Ich sehe die Dinge, wie sie sind, nicht, wie sie sein sollten. Ich leide aber nicht mehr darunter. Ich wehre die Wahrheit nämlich nicht ab.
Per Zufall war ich gestern eingeladen worden, mich mit an den Tisch zu setzen, wo andere Gäste des Hauses, auch Nachbarn, Platz genommen hatten. Ich hatte zwar nicht erwartet, dass mich die Erinnerungen bestürmen würden - ich hatte diese Räume seit dem Aus zwischen mir und L. nicht mehr betreten - aber meine Ungerührtheit war dann doch überraschend. Zuerst kam es mir vor, als ginge ich auf dünnem Eis, durch das nur ich sehen konnte - wie konnten all die Menschen hier tun als wüssten sie von nichts? Dann erschien mir alles wie "Das Fest" der Gruppe Dogma. Ein irrationales Schauspiel.
Wusste wirklich nur ich das alles? Mittlerweile weiß ich mehr als selbst L. ahnen kann. Andererseits durchströmte mich aber ein tiefes Mitgefühl. Betroffen allerdings fühlte ich mich nicht davon. Nicht einmal davon erregt, dass L. mit knappem Minirock neben mir saß.
Wie verletzlich ich jetzt Monate lang gewesen bin. Wie stark und ruhig ich mich seit einiger Zeit fühle. Es wurde Zeit. Ich habe auch ausgesprochen viel dafür getan.
Am Ende folgte eine Nachbarschaftseinladung, die auch an mich erging. Freilich sagte ich zu, mit echter, ungespielter Freude. Dieses Schauspiel ist nämlich andererseits auch überaus spannend.