Ich habe Espérance geschrieben, um den Menschen, die dazu neigen, in den Strudel der Ignoranz zu treiben, einen Rettungsring zuzuwerfen. Ich weiß, dass die Mehrheit der an Ignoranz leidenden Menschen nicht Willkür ist, sondern lediglich die Folge von Überreizung, die unser Informationszeitalter mit sich bringt. Die paradoxe Wahrheit: Je stärker der Informationsfluss , desto weniger wissen wir; denn für nichts bleibt mehr Zeit – wurde die eine Information gerade verdaut, ruft schon die nächste nach Aufmerksamkeit. Oder wusstet ihr bereits, dass unsere Gehirne erstmals in der Geschichte der Menschheit beginnen, zu schrumpfen?
Hierbei schreit jeder nach den bösen Medien – was nie verkehrt sein kann! –, betrachtet man aber mal Schul- und Studienpläne ein wenig genauer, muss man feststellen, dass deren Verantwortlichen es auch sehr gut verstehen, Ignoranz durch rasche Übersättigung an Informationen zu schaffen. Der Bildungsstreik ist demnach nicht nur das Aufbegehren einer lernfaulen Generation, nein, er ist das Aufbegehren der Vernunft unserer Generation. Dieses Informations-Stopfen ist zweifelsfrei eine permanente psychische Körperverletzung und macht Menschen trotz hoher Intelligenz zu Ignoranten, wenn sie nicht ständig auf der Grenze zum Burn-Out leben wollen.
Nichtsdestoweniger dürfen wir den Fluch des zu gut funktionierenden Informationsflusses nicht als Rechtfertigung für Ignoranz verwenden. Die Opfer hinter den sich immerzu erneuernden Schlagzeilen, die wahren Menschen, von denen uns nur der Zufall unterscheidet, können nichts für unser Luxusproblem. Sie sind Opfer! – Und alles, was für Opfer von Bedeutung ist, ist Hilfe! Die Hilfe eines jeden, der in der Lage ist, zu helfen. Es ist dabei die Aufgabe jedes über die Situation der Opfer Informierten, sich selbst zu fragen, ob er wahrlich nicht in der Lage ist, Hilfe zu leisten, oder ob er einfach nur den Aufwand scheut – oder mit anderen Worten: ob er der Praxis des Ignoranten folgt.
Meines Erachtens muss Opfern von Katastrophen, wie jener am 12. Januar 2010 in Haiti, aber auch der fortwährenden Katastrophe der globalen Ungerechtigkeit, die kein klares Datum besitzt, stets gedacht werden. Nur so können wir dafür sorgen, dass wir uns nicht in der Ignoranz gegenüber dem wichtigsten verlieren, das unser Leben auf Erden implizieren kann: der Nächstenliebe. Auch allgemein brauchen wir das Gedenken an Opfer, damit unser Bewusstsein für das uns Gegebene nicht geschmälert wird. Das hervorragende Leben, das wir als Einwohner der reichen Länder dieser Welt führen dürfen, muss eine tägliche Idee sein, nicht Etwas, mit dem wir ohne Weiteres rechnen. Es sind Ideen, die Begeisterung verursachen, nicht die Selbstverständlichkeit.
Dennoch: Nicht nur die Opfer brauchen unsere Gedanken und unseren Sinn für die Nächstenliebe. Ebenso und vor allem die Menschen, die frei von Glamour, Kameras und ominösen Gagen tatsächliche Heldentaten vollbringen – Tag für Tag und unter härtesten Bedingungen. Namentlich die Helden, die in Katastrophengebiete reisen, um mit ihrem Fachwissen Hilfe zu leisten. Diese Menschen sind die wahren Stars unter uns! Sie reden oder schreiben nicht bloß über die die Nächstenliebe, nein, sie leben und leiden sie in natura.
Mein Werk Board;ng auf einen Handlungskern reduzieren? Ich soll tatsächlich ein gesamtes Leben auf wenige Sätze komprimieren? Ein Mensch. Zig millionen Gedanken. Unzählige affektive Handlungen. Das menschliche Gehirn ist das größte Wunder der Natur, und ich soll seine literarische Reflexion auf ein Minimum reduzieren? Fragte Sie jemand, wie die Zusammenfassung Ihres Lebens lautete, was antworteten Sie dem Fragenden? Zählten Sie Schlüsselszenen auf, die Ihre Lebenseinstellung prägten? Ja. Natürlich täten Sie das; ich täte es auch. Doch träte daraufhin nicht das schlechte Gewissen ein, weil Sie Ihr Leben mit nur einer Sequenz beschrieben hätten; einer kurzen Sequenz von tausenden, die den gleichen Rang in Ihrer Erinnerung genießen wie die genannte – wobei uns die vielen anderen Sequenzen selbstverständlich erst nach der Befragung einfallen. Ich bin mir absolut sicher, dass es bei mir der Fall wäre. Ich habe beschlossen, dass mein Leben nicht in das Wesentliche einzugrenzen ist. Wie ist es mit Ihrem?
Tom Westerhausen ist nicht nur ein Charakter. Tom Westerhausen ist eine Seele. Tom Westerhausen ist jedoch nicht bloß eine Person wie Sie und ich. Tom Westerhausen ist alles; Metaphysis und Realität. Die Aussage mag Sie verwirren, doch bediene ich mich dieser Beschreibung, um sein Wesen mit Worten einzufangen; denn er wurde durch mich zum Leben erweckt, obwohl er niemals lebte. Verstehen Sie woraufhin ich hinaus will? Das müssen Sie nicht. Sie haben Board;ng nicht gelesen. Können Sie aber, indem Sie just auf meine Worte vertrauen. Ich schrieb die Zeilen zu Board;ng, allerdings war Tom derjenige, der sie formulierte. Ich las mir das fertige Werk nach ein paar Wochen der Distanz noch einmal durch und kam letztendlich nur zu einem Schluss: Tom Westerhausen benutzte mich lediglich als Wirt für seine Geschichte, deren Macht ich mit meinen 23 Jahren noch nicht gewachsen bin. Ich sehe mich nicht als Intellektuellen. Ich war nicht einmal ansatzweise etwas derartiges wie ein Wunderkind. Ich sehe mich nur als einen Idioten mit viel Fantasie. Jedoch halte ich Board;ng für ein Wunderkind; nicht aber, um mich an meinem Werk zu ergötzen; Sie erinnern sich: Tom benutzte mich nur für seine Geschichte, also bin ich im Grunde nur der passive Autor. Meiner Person zollt meine eigene Meinung bezüglich Board;ng nicht viel Ruhm. Es geht hier auch überhaupt nicht um mich, sondern einzig und allein um Board;ng und Tom Westerhausen. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Es bereitete mir Gänsehaut, was ich da las; denn die Zeilen waren mir völlig fremd. Ich konnte mich nicht daran erinnern, diese gewaltigen Wortkombinationen geschrieben zu haben. Ein Autor, der sich nicht an sein eigenes Geschriebenes erinnert! Wie kann das sein?
Nun gut, jetzt, wo Sie die vorangegangenen Zeilen gelesen haben, fragen Sie sich vermutlich, weshalb ich hier großspurig parliere, ohne einmal die Handlung zu beleuchten. Ich täte es mit Sicherheit. Aber bitte glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass ich es nicht kann. Ich bin unfähig, Board;ng auf sein Wesentliches zu minimalisieren. Nicht, weil ich unfähig eines Klappentextes bin – Board;ng ist nicht mein einziges Buch, und bei jedem anderen ist es mir eine Leichtigkeit, dies zu tun – sondern, weil Tom sich gegen dieses Unterfangen sträubt. Er will es Partout nicht. Deswegen habe ich den Entschluss gefasst, dass Board;ng nicht zusammenzufassen ist. Board;ng ist im biologischen Sinne ein Prokaryot, ein zelluläres Lebewesen ohne Kern.
Möglicherweise können Sie mir helfen. Teilen Sie mein Wissen über dieses Werk, indem Sie es lesen. Erklären Sie mir seinen Kern! Oder trifft meine hiesige Aussage der Kernlosigkeit sogar in die Mitte der Wahrheit? Ich erwarte Ihre Nachricht mit Hochspannung. Ganz ohne Vorwissen kann ich Sie aber nicht losziehen lassen, weswegen ich Ihnen noch auf den Weg gebe, dass sich Board;ng weder um politische Korrektheit, noch um irgendwelche anderen Regeln der Sittlichkeit schert. Es ist schlichtweg, wie es sein will. Tom ist ein Organhändler, der … Nein, er will nicht, dass ich es direkt ausspreche. Er hat ein Problem; das ist alles, wozu er mich befugt. Und sein Problem ist sein Verstand, sein Glaube an die Sinnigkeit des menschlichen Daseins. Ich hoffe, ich höre von Ihnen.
Wenn das Wort Krieg fällt, denken die meisten Menschen wohl an Soldaten, Panzer und/oder Bomben; in jedem Fall aber an Tod, Leid und die Gewalt, die beides vorangegangene herbeiführt. Kann man demnach die Prämisse wagen, dass Krieg gleich Gewalt ist? Oder müssen Menschen erst durch eine Bombe/Kugel Leid erfahren, damit die Gewalt als Krieg deklariert werden darf? Benötigt es erst ein Heer an Soldaten, bis man dieses mächtige Wort innerhalb einer öffentlichen Diskussion in seine Sätze einbauen darf? Seit Kurzem spricht man auch ohne vorgehaltene Hand davon, dass sich Deutschland im Krieg befindet, wobei die vorherige deutsche Haltung hinsichtlich dieses Wortes schon einer Verleumdung der Soldaten glich, die ihr Leben für dieses wundervolle Land, das wir unser Zuhause nennen, riskierten oder gar hergaben. Der Terminus Krieg hat sich somit in den Sprachschatz der deutschen Öffentlichkeit hineinemanzipiert. Nicht nur in den Augen der Soldaten, sondern auch in den Augen des deutschen Volkes sollte dieser Fortschritt eine Erleichterung sein; der Abwurf einer weiteren Schicht des Schleiers, den diese Nation seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges umgibt. Deutschland darf nun in einem Krieg sein, ohne sich abermals an dem Punkt zu befinden, zu dem es nie wieder zurückkehren wollte. Gratulation; diese Hürde haben die Deutschen gemeistert. Stellt sich nun die Frage, wann es dazu in der Lage ist, der Gewalt, die hinter den deutschen Wänden gegen hilflose Opfer praktiziert wird, das Siegel eines Tabuthemas abzunehmen und den Begriff HäuslicheGewalt ebenfalls in den Sprachschatz der Öffentlichkeit hineinemanzipieren zu lassen, damit auch dieser stille Terrorismus endlich sein Ende findet. Sie schreien täglich nach Hilfe, nach einer Besserung, doch ihre Rufe erreichen nicht immer den Richtigen. Wir blicken unserer Nachbarin oder unserem Nachbarn ins Gesicht, ohne aus seinem Gesicht die Wahrheit über die Gewalt, die ihr/ihm angetan wird, ablesen zu können; denn Gewalt muss seine Spuren nicht unbedingt im Gesicht hinterlassen; Gewalt ist ein breites Feld an Handlungen, das im Idealfall für den Täter sogar spurenlos bleibt. Manchmal ahnt oder weiß man allerdings um das Leid des Gegenübers, traut sich allerdings nicht, Hilfe zu leisten, oder einen Dritten wie die Polizei um Hilfe zu bitten, weil man befürchtet, dass die hiesige Hilfe weder erwünscht, noch angebracht ist. Hier liegt zwar das Verständnis, das man den Hilfeunterlassenden aufbringen kann, doch auch zugleich der Trugschluss seiner Befürchtung; denn Hilfe ist niemals unangebracht! Es mag paradox klingen, aber Opfer vergessen meist, dass ihre Situation veränderlich ist. Sie nehmen sie hin, weil sie irgendwann den Punkt erreichen, an dem sie sich die Lüge der Unveränderlichkeit erfolgreich eingeredet haben. Dieser meist effektive Vorgang der Selbstlüge nennt sich Erlernte Hilflosigkeit. Die Täter dagegen sind ohnehin nicht darauf erpicht, dass jemand interveniert, der dessen Tyrannerei ein Ende setzt, weswegen sie auch mit allen Mitteln versuchen, ihre Taten unter Verschluss zu halten. Demnach lastet die Entscheidung über eine Hilfsmaßnahme bezüglich der unsichtbaren, aber meist hörbaren nachbarlichen Gewalt allein auf den Schultern des Ahnenden oder gar Zeugen der verborgenen Gewalt. Eine Relativierung eines lauten Streits, der eindeutig mit Schmerzlauten in akustische Erscheinung tritt, ist demnach eine immense Fahrlässigkeit. Es muss also die Maxime gelten, dass man lieber einen Fehlalarm in Kauf nimmt, als eine Ignorierung von wahrhaftiger Gewalt, einem wahrhaftigen Krieg, der nicht selten sowohl psychische als auch physische Gewalt gegen wehrlose Kinder impliziert. Mag sein, dass einem im Ernstfall, in dem der Krach aus der Wohnung/dem Haus der Nachbarn nicht bloß ein kleiner harmloser Streit war, sondern eine Sequenz eines dauerhaften psychisch/physischen Gewaltexzesses, die Hilfe vonseiten der/des Opfer/s wegen der Erlernten Hilflosigkeit nicht sofort gedankt oder anerkannt wird, was einen jedoch die Zivilcourage nicht bereuen lassen sollte. Denn zum einen besteht die Möglichkeit, dass sich die Anerkennung/Dankbarkeit der/des Opfer/s erst nach einer professionellen psychischen Behandlung und der damit zusammenhängenden Auflösung der Selbstlüge einstellen wird, und zum anderen ist Zivilcourage immer noch für den Helfer selbst von hoher Wichtigkeit, denn - auch wenn es womöglich nicht bewusst wahrgenommen wird -, die Ignorierung von Leid zerfrisst eine blühende menschliche Seele mit der Zeit wie eine Blattlaus; und mit jeder vergangenen Zeit oder weiteren Ignorierung mehren sich die Schädlinge, bis irgendwann nicht mehr viel von ihrer Beute übrig ist.
Marlon Bergmann ist 30 Jahre alt und ein ehemaliger JVA-Insasse, der vor langer Zeit seine rechtsradikale Gesinnung abgelegt und sich nun vorgenommen hat, endlich eine Existenz aufzubauen. Für dieses Vorhaben kann er natürlich nichts weniger gebrauchen als ein Auffälligwerden bei der Polizei, doch als auch er durch die dünnen Wände seiner Wohnung Zeuge von Häuslicher Gewalt wird, spinnt sich die Bürde seines Zeugendaseins mit dem Vorsatz, eine Existenz aufzubauen, zu einem Gewirr, dessen Entwirrung ein Unterfangen ist, zu dem Marlon nicht in der Lage zu sein scheint.