Heute war es also soweit, mein Opa wurde beerdigt. Das war schon irgendwie komisch, man steht auf und macht sich eigentlich fast genauso fertig wie für einen Geburtstag oder eine Familienfeier - etwas Schickes anziehen, frisieren, wichtige Sachen für Aljoscha zusammen packen und los. Nur dass es diesmal kein schöner Anlass war, kein Geburtstagslied geben würde, kein lustiges Beisammensein... Wobei, so schlimm war es nicht, wenn auch traurig.
Am meisten Angst hatte ich ja vor dem Anblick der Urne und seines Fotos, so sollte es nämlich aussehen: Seine Urne umrahmt von Blumen und daneben ein großes Bild von ihm. Doch ich hatte Glück, ich saß so, dass ich während der ganzen Zeremonie sein Foto nicht sehen musste, ich warf nur ganz am Anfang mal einen Blick darauf. Die Urne sah ich hingegen, aber ich fand es aushaltbar. Die Rede des Trauerredners fand ich auch sehr gut, sie hatte einen fröhlichen und optimistischen Unterton, genauso wie mein Opa war. Außerdem erfuhr ich viel Neues über seine Kindheit und Jugend und auch so einiges, was ich schon einmal gehört aber wieder vergessen habe. In einigen Beschreibungen habe ich sogar ein wenig mich selbst wieder erkannt, z.B. bei seiner Liebe zur Natur und zu Tieren und sein Interesse für Geschichte, Politik und Weltgeschehen. Mir wurde auch so richtig bewusst, dass wir wirklich einen sehr besonderen Menschen verloren haben. Mein Opa war wirklich unglaublich klug, man konnte ihn fragen, was man wollte, er wusste alles! Auch von diesem Gesichtspunkt her wiegt der Verlust schwer, denn sicher schlummerte in ihm noch so wahnsinnig viel Wissen, was nun verloren ist...
Im Anschluss an die Trauerfeier war dann die Beisetzung und schließlich eine kleine Feier, der "Leichenschmaus" oder wie auch immer man das nennen mag. Hier wurden Erinnerungen und Fotos ausgetauscht und der Opa so am Leben gehalten. Dann kam es zu einem wirklich sehr schönen Moment, mein Cousin spielte auf der Mundharmonika meines Opas das Lied "Tränen lügen nicht". Mein Opa liebte Musik immer sehr und vor allem seine Mundharmonika. Jeder aus der Familie bekam sein individuelles Erinnerungsstück, für mein Cousin, der selbst musikalisch ist, war es eben dieses Instrument. Binnen 4 Tagen lernte er das Lied und führte es uns heute fast fehlerfrei vor. Dann sagte jemand so schön "Da hat der Opa doch ein wenig mitgespielt". Und so war es bestimmt auch, er saß garantiert da oben auf seiner Wolke, sah uns zu und schickt ein paar Noten herunter.
Nun ist es also Zeit, wirklich Abschied zu nehmen. Und es tut immer noch weh, akzeptieren zu müssen, dass es kein Zurück mehr gibt. Gestern Abend lag ich im Bett und musste immer wieder an meine Kindheit denken, die Ferien bei Opa, der Geruch seines Hauses, was wir unternommen haben und ich wünschte mir so sehr, wenigstens noch einmal 10 Minuten in dieser Zeit zu leben. Das würde mir doch schon reichen... noch einmal gemeinsam spazieren gehen, noch einmal Pilze sammeln, noch einmal seinen Geschichten lauschen. Doch es geht nicht, es ist vorbei.
Trotz allem freue ich mich, ihn gehabt zu haben und möchte diesen Eintrag positiv beenden, genauso wie er immer war. Deswegen meine Erkenntnis des Tages: Macht euch immer wieder bewusst, wie wertvoll die Menschen um euch herum sind und schließt Erlebnisse ganz tief in eure Herzen ein. Es wird der Tag kommen, andem ihr sie nur noch im Kopf wieder erleben könnt und das gibt Trost und Kraft.
Mach's gut Opa. Ich werde dich immer lieben. :-)
P.S: @ exwuscheltom: Ich weiß nicht, ob ein Baby von 5 Monaten die Zunge rausstrecken können MUSS. Ich glaube generell, dass jedes Kind andere Stärken und Schwächen hat. Wir haben es Aljoscha gar nicht beigebracht, er hat es von ganz alleine gemacht.
Liste der Kommentare
Von am 12. Februar um 16:16
Sehr ergreifende Beschreibung. Hat mich in den Bann gezogen, besonders der teil mit der Mundharmonika.
Von am 3. Februar um 21:46
Schön das Du Dich anscheinend entschieden hast weiter zu schreiben. Denkst Du nicht, dass Du später gerne Deine Einträge lesen wirst wenn Dein Kleiner älter ist? Evtl. mit Ihm zusammen? Blog schreiben ist ja wie Tagebuch schreiben. Mach es für Dich und nicht mit dem Anspruch es für andere zu schreiben. Dann ist es nämlich auch egal ob uns es intressiert ob Dein Baby die Zunge raus strecken kann. Aber durch den Blog bleiben Erinnerungen erhalten, die ansonsten evtl. nicht bleiben würden. Ich mag Deinen Blog. Liebe Grüße